Profitmaximierung im Monopolbereich?

von Nils Henn | 21.11.2018

Zurzeit geistert mal wieder eine ganze Entenschar durch den Pressewald, als ob das Sommerloch vier Monate Verspätung hätte: Es geht um die Frage, welche Netzbetreiber Profitmaximierung im Monopolbereich betreiben, weil sie die bundesgerichtlich geschützte Praxis pflegen, ihre Netze vollständig bewertet zu haben. Die Frage ist so alt wie die Regulierung selbst, die Akteure sind immer noch dieselben, die Antworten sind längst bekannt und so unzureichend wie eh und je - das ganze Thema ist für die Allgemeinheit so spannend wie die letztjährige Fasnacht…

 

Und doch: für uns Fachspezialisten rufen die grossen Unterschiede bei den Netztarifen trotzdem nach Erklärungen. Die gängige Darstellung, dass in erster Linie die Topografie zu den grossen Unterschieden führt, ist offenbar falsch. Dies zeigen die Grafiken der ElCom, die an ihren Tagungen mit Auswertungen aufwarten, in denen so gut wie keine Korrelationen zu sehen sind. Die Unterschiede scheinen völlig losgelöst von allen naheliegenden Strukturunterschieden. Nun soll ausgerechnet die ElCom der Presse gegenüber den Verdacht geäussert haben, dass die Eigentümerstrategie den Hauptteil der Erklärung liefern soll.

 

Abgesehen davon, dass wir nicht glauben wollen, dass die ElCom als verlässliche und streng gesetzeshütende Institution offiziell derartige polemische Verlautbarungen herausgibt, wäre es für uns Berater doch so erhellend, endlich die richtige Antwort gefunden zu haben, die uns blinden Maulwürfen bei allen Benchmarking-Projekten so lange im Dunkeln verborgen geblieben war. Endlich wüssten wir es: «Ach Du lieber Netzbetreiber – alles rot im ElCom-Tarifvergleich? Kein Problem, das liegt nur an Deiner Netzbewertung – schraube den WACC etwas zurück und alles wird grün…» Schön wär’s – nur leider sowas von falsch. Zum Glück, sonst hätten wir ja keinen Job mehr…

 

Vorweg für die Nicht-Fachleute: Tarife in Rp./kWh sind per se ein völlig ungeeigneter Vergleichsparameter, weil die verteilte Energie (kWh) mit den Netzkosten (Rp.) so gut wie gar nicht ursächlich verknüpft ist. Netzkosten hängen vielmehr von der versorgten Fläche, der Anzahl Anschlusspunkte und der zu liefernden oder abzuleitenden Leistung (kW) oder Stromstärke (Ampère) ab.

Die ElCom selbst hat das übrigens auch schon lange erkannt und versucht, im Rahmen der Sunshine-Regulierung nebst den nackten Tarifen auch Struktureigenschaften und Kosten pro Leitungslänge oder installierter Leistung miteinander zu vergleichen. Und was zeigen uns diese Grafiken? – Auch hier so gut wie keine Gesetzmässigkeiten erkennbar! Weshalb? Nicht weil die Eigentümerstrategien zu viel Einfluss hätten, sondern weil die ganze Sache so ungemein komplex zu erfassen ist!

Auch ist immer zu beachten, dass meistens nur einzelne Profile wie H4 verglichen werden, dabei wird vergessen, dass die Verhältnisse bei anderen Profilen möglicherweise gerade umgekehrt sein können. Manchmal sind Industrie und Gewerbe voll im Grünen, dafür die Privaten im Roten, manchmal umgekehrt. Das hat oft historische und wirtschafts- oder gesellschaftspolitische Gründe und wird nur mit der Zeit langsam anzugleichen sein.

 

Unsere langjährige Erfahrung beim Interpretieren von Kennzahlen von EVUs im Rahmen von Benchmarking-Projekten zeigt, dass es fast keinen allgemein gültigen Zusammenhang zwischen einzelnen Faktoren, auch nicht dem Ausreizungsgrad der Gesetzlage und hohen Tarifen gibt.

Wir haben eine Auswertung bei 12 Werken gemacht, die wir gut kennen (decken rund 10% der Schweiz in allen Landesteilen ab). Der Anteil an kalkulatorischem Kapitalzins (nur der kann durch die Eigentümerstrategie beeinflusst werden) beträgt zwischen 10 und 25% (ein Werk mit 33%) der übrigen, durch die Eigentümerstrategie nicht beeinflussbaren anrechenbaren Kosten. Der Durchschnitt liegt bei 19%. Damit ist die maximale Bandbreite gegeben, jegliche Gründe für Tarifdifferenzen, die darüber liegen, müssen also zwangsläufig an ganz anderen Orten gesucht werden. Im Umkehrschluss hat übrigens mehr als die Hälfte der Unternehmen den Profit voll optimiert, aber wegen günstiger übriger Umstände keine auffälligen Tarife.

 

Hohe Tarife haben so viele andere massgeblichen Gründe nebst der Eigentümerstrategie – und jeder einzelne kann durchaus ähnlichen Einfluss haben:

1.       Hohe Vorliegernetzkosten

2.       Keine eigene Produktion mit steuerbarer Leistung (kein Peak-Shaving möglich)

3.       Andere Heiz- und Warmwasser-Energieträger (Gas, Fernwärme) in den Strassen (!!!) führt zu tiefem Energieumsatz pro Anschlusspunkt

4.       Teurer Leitungs- und Anlagenbau (Stadt, Gebirge, felsige Böden, Wasserläufe)

5.       Suboptimale Netzstrukturen (oft historisch bedingt, teilweise aus Zeiten mit noch viel tieferen Mittelspannungen)

6.       Tiefer Eigenwertschöpfungsgrad/hoher Grad an Outsourcing (Beschaffungspreise mit Marktmarge statt internem Kostensatz)

7.       Hohe Ansprüche an Netzverfügbarkeit (sensible Kundenstruktur)

8.       Hoher Anteil an Zweitwohnungen (fast ohne Verbrauch)

 

Nach allem dem müssen wir uns doch fragen - was sucht die Presse mit angeblicher Hilfe der ElCom denn nun? Sollen die Werke, die den gesetzlichen Spielraum legal und kontrolliert voll ausnutzen, aber sehr schlechte übrige Bedingungen haben und hohe Tarife ausweisen, an den Pranger gestellt werden? Und diejenigen, die den gesetzlichen Spielraum genau gleich ausnutzen, aber gute übrige Bedingungen und unauffällige Tarife haben, werden unbehelligt gelassen? Scheint nicht wirklich der richtige Ansatz zu sein…

 

Und ganz zuletzt stellt sich sowieso immer noch die Frage, was tun die Werke denn so Unredliches mit ihrem gesetzlich exakt begrenzten EBI (Profit vor aufwandgleichen Zinsen, das «T» von «EBIT» fehlt, denn Steuern sind anrechenbare Kosten)? Es gibt solche, die damit Kredite bedienen müssen – das kann ohne Weiteres bis zur Hälfte des EBI wegfressen. Oder sie müssen Verluste decken, die beim Energiegeschäft entstehen, oder sie stecken das Geld in Fördermassnahmen zugunsten der Energiestrategie 2050, oder eben sie liefern ihn weitgehend der öffentlichen Hand ab, die dadurch die Steuern tiefer halten kann. Kommt doch alles am Schluss wieder genau denselben Leuten zugute, die für den Strom etwas mehr bezahlen müssen – deshalb interessiert es ja auch niemanden wirklich. Woher kommt dann dieser Sturm im Wasserglas? Ablenkungsmanöver anderer sogenannt «am Markt» operierender Branchen, wo die Reingewinne ein Vielfaches der unsrigen betragen.