Gedankenexperiment: Leistungsvergütung an Erzeuger

da Nils Henn | 18-set-2015

Leistung und Energie

Leistung und Energie – Kilowatt und Kilowattstunden – diese zwei Grössen haben es in sich! In jedem zweiten Presseartikel sind sie falsch verwendet und was sie wirklich bedeuten, erfasst sowieso fast niemand. Ist ja auch verwirrend, dass sie fast gleich heissen.

Und selbst für Energiefachleute wird es erst richtig schwierig, wenn es um die Abrechnung der Netznutzung zwischen Netzbetreibern geht. Im Branchendokument NNMV-CH findet sich im Kapitel 5.2. Abschnitt 1 unter dem Titel „Energie- und Leistungswerte für die Abrechnung zwischen Netzbetreibern“ folgende Regelung: „Die Verrechnung der Netzkosten an nachgelagerte Netzbetreiber erfolgt in Form von kosten-basierten Verrechnungspreisen auf der Grundlage der effektiven Bruttoenergiewerte und dem effektiven Leistungsbezug der nachgelagerten Netze.“

Aha – alles klar! Es geht also um die Berechnung des Preises für die durchgeleitete Energie in Kilowattstunden (30% des Gesamtentgeltes) und des Preises für die pro Monat höchste bezogene Leistung in Kilowatt (60% des Gesamtentgeltes – die restlichen 10% entfallen auf den Grundpreis pro Netzanschlusspunkt).

 

Bruttoenergie

Bruttoenergie – damit ist die gesamte verrechnete Energieausspeisung gemeint, obwohl diese gar nicht der über die Anschlusspunkte aus dem Vorliegernetz fliessenden Energie entspricht. Differenzen kommen hauptsächlich von Netzverlusten, dezentralen Energieeinspeisungen, pauschal verrechneten Verbrauchern, nicht verrechnetem Eigenverbrauch sowie unterschiedlicher Messzeitpunkte an den Einspeisungen und allen Ausspeisungen.

Auf den ersten Blick scheint das nicht verursachergerecht – hat aber viele Vorteile, da dieselbe Bruttoenergie auch für die Abrechnung der SDL und der KEV verwendet wird, so gut wie nicht beeinflusst werden kann und damit für alle eine sehr faire Berechnungsrundlage darstellt.

 

Nettoleistung

Effektiver Leistungsbezug, oder auch Nettoleistung – das ist also der Wert der tatsächlich über die Anschlusspunkte aus dem Vorliegernetz bezogenen Leistung.

Von anderen Quellen bezogene Leistungen, die die vom Vorliegernetz zu beziehende Leistungsspitze reduzieren, werden im heutigen System nicht abgegolten. Netzbetreiber bezahlen also nichts für die von Erzeugern (oder Speichern) in ihr Netz einspeiste Leistung. Sie sparen diese Leistung aber teilweise an ihrer Einspeisung des Vorliegers ein und bezahlen an diesen weniger Netznutzungsentgelt als Netzbetreiber ohne Erzeugung in ihrem Netz.

Je besser steuerbar die in ihr Netz einspeisende Erzeugung ist, desto grösser ist die erzielbare Einsparung für die Netzbetreiber. Und da die Leistungskomponente 60% des Gesamtentgeltes ausmacht, fällt dieser Effekt erst recht ins Gewicht.

Obwohl die Nettomethode als Abrechnungsbasis zwischen Netzbetreibern verursachergerechter erscheint als die Bruttomethode, ist sie im Sinne des Unbundlings zwischen Erzeugung und Verteilung dennoch unfair – die Erzeugung quersubventioniert die Verteilung.

 

Leistungsvergütung an Erzeuger

Würden die Netzbetreiber die Einsparungen durch dezentral eingespeiste Leistung statt ihren Netznutzern in Form tieferer Tarife den Erzeugern in Form einer Leistungsvergütung weitergeben, ergäben sich drei Vorteile:

  1. Kraftwerke mit steuerbarer Leistung und Speicherlösungen würden sich besser lohnen.
  2. Leistung würde vermehrt dann produziert, wenn sie benötigt wird.
  3. Die Bevorzugung durch tiefere Tarife von Netznutzern in Netzen mit Erzeugern wäre aufgehoben.

Heute kann die Wasserkraft ihren grossen Trumpf der Regelbarkeit wegen des durch Regulierungs- und Subventionseffekte vor allem in Deutschland verzerrten Strommarktes fast nicht ausspielen, dabei wäre dies zum Ausgleich der immer mehr stochastisch einspeisenden Neuen Erneuerbaren Energien so wichtig.

Die aus demselben Grund immer wichtiger werdende Stromspeicherung, zur Schonung der Netze möglichst dezentral und erzeugungsnah, hat ausser vermiedener Netzausbaukosten auf der Ertragsseite nur die Spreizung zwischen Ein- und Ausspeicher-Energiepreis. Ihre Hauptstärke, die exakt und sehr schnell steuerbare Leistung kann nicht kommerzialisiert werden.

Die Leistungsvergütung an Erzeuger würde exakt die Produzenten belohnen, die die hochwertigste Energie herstellen und hätte den perfekten Lenkungseffekt.

Eine Modellrechnung zeigt, dass ein mittelgrosses Speicherkraftwerk mit gutem Leistungsmanagement pro Kilowattstunde Energie gut zwei Rappen dazuverdienen könnte.

Und wer bezahlt das Ganze? Die Endverbraucher natürlich wie immer – aber diese würden auch die zurzeit diskutierte Giesskannen-Subvention der Wasserkraft bezahlen…