Smarte Netztarifierung – die eierlegende Wollmilchsau der Energiewende?

da Nils Henn | 13-nov-2017

Noch selten habe ich ein Thema gekannt, welches so kontrovers diskutiert wurde, wie das Thema Netztarifierung es zurzeit wird, jetzt, so kurz vor der Inkraftsetzung der revidierten Stromversorgungsverordnung StromVV.

Früher war das alles so einfach: Hoch-/Nieder-Tarif, eventuell Sommer-/Winter-Unterscheidung, grosse Verbraucher mit Leistungs- und Blindenergiemessung – und das fast gleich für Netz und Energie – fertig.

Heute kommt so ziemlich alles ins Wanken, was uns je üblich vorkam, die allgemeine Verwirrung, nicht nur unserer Stromkunden, wächst ins Uferlose:

  • Die Unterscheidung in Netz und Energie nimmt mehr und mehr zu,
  • Hoch-/Nieder-Tarif wird vielerorts abgeschafft, da die Zeiten keinen Bezug zu den Netzkosten haben,
  • Leistungsmessung nimmt immer mehr Platz ein, da sie kostenverursachergerechter ist,
  • Grundtarife werden im StromVV auf 30% limitiert, in zwei Jahren soll im StromVG dann 50% stehen,
  • Die Sommer-/Winter-Unterscheidung, im Netz zumeist schon fast überall abgeschafft, wird in der Energie wiederkommen,
  • Die unweigerlich boomen werdenden Eigenverbrauchsgemeinschaften, die praktisch nichts mehr an die Netze zahlen werden, werden die Tarife in schwindelerregende Höhen treiben,
  • Und darüber hinaus wird alles smart – zehn Fachleute habe darüber elf verschiedene Vorstellungen, jeder Laie noch eine weitere…

Wie soll man aus diesem Wirrwarr je schlau werden?

Meine Meinung: erst einmal kühlen Kopf bewahren! Aus gutem Grund:

Erstens: Die StromVV mit ihrem massgebenden Artikel 14 wird erst ab 01.01.2018 gelten – damit haben wir volle 8 Monate Zeit, unsere Tarifsysteme in Ruhe zu überdenken und per 31.08.2018 an die neuen Vorschriften anzupassen.

 

Wir stecken mitten in der Budgetierungsphase für nächstes Jahr – wieso nicht ein kleines Projektli einplanen mit dem Namen «Tarifstruktur-Optimierung 2018»?

Zeit dafür ist noch, die Kosten dafür sind zweifelsohne anrechenbare Netzkosten und die guten Helfer am Markt haben ihre Auftragsbücher sicherlich noch nicht überfüllt.

Zweitens: Wir haben immer noch Cost Plus. Was regen wir Netzbetreiber uns über erodierende Erträge auf, wenn doch alle Kosten über die Tariferträge gedeckt werden dürfen?

Solange alle preiserhöhenden Effekte im Rahmen der vom Volk angenommene Energiestrategie 2050 (ES 2050) politisch so breit abgestützt sind, handeln wir doch «richtig», wenn wir uns darüber keine Sorgen machen.

 

Wenn die Preise dann einmal so hoch werden, dass eine Mehrheit findet, das sei unzumutbar, dann wird wieder die Politik von selbst aktiv und neue Lösungen finden – nicht unser Problem.

Drittens: Soooo schwierig ist die Materie doch auch nicht. Schliesslich besteht ein Netztarif nur aus maximal drei Komponenten «Verbrauch», «Leistung» und «Grundtaxe», zeitlich mehr oder weniger dynamisch gestaffelt.

 

Damit sind ebenfalls nur drei Hauptanforderungen zu erfüllen: kostendeckenden Ertrag generieren, verursachergerecht sein, diskriminierungsfrei sein. Alle weiteren mehr oder weniger smarten Ideen lassen sich diesen unterordnen.

Wir haben in diesem Jahr für den VSE einen Kurs gehalten zu diesem Thema und dabei die erstaunliche Erfahrung gemacht, auf wie wenige wesentliche Aspekte die ganze so unübersichtlich scheinende Problematik reduziert werden kann.

Daher auch hier ein Tip: bilden Sie Ihre Tarifexperten weiter, damit sie vor lauter Bäumen den Wald wieder sehen lernen.

Zurück zum Titel: Werden uns voll-dynamische, mit Block-Chain-Verfahren Geräte-individuell ausgehandelte Netztarife der Energiewende entscheidend näherbringen?

Werden solch fortschrittliche Netznutzungspreise wirklich dazu beitragen können, die Balance zwischen dezentraler schwankender Produktion und Verbrauch entscheidend zu verbessern – denn darum geht es ja schliesslich.

Oder werden sie uns die vielbeschworenen riesigen Einsparungen beim Netzausbau bescheren können (Smart Grid)?

Ich bin da skeptisch. Die Flexibilität bezüglich zeitlicher Verbrauchsverschiebung im Haushalt ist ziemlich begrenzt, beim Gewerbe erst recht und in der Industrie und beim Verkehr ist sie fast gar nicht vorhanden.

Ein kleiner Beitrag in die richtige Richtung ist bestimmt damit verknüpft – er ist aber sicherlich nicht so entscheidend, dass sich heute schon grosse Investitionen lohnen.

Mein priorisierter Ansatz ist ein ganz anderer: Den Hauptteil an die ES 2050 werden dezentrale Speicher, kombiniert mit Solarzellen beitragen – wenn sie sich denn lohnen.

Und genau da sehe ich einen Beitrag an die Energiewende, den wir Netzbetreiber leisten können – wenn wir wollen: machen wir die Speicher lukrativ!

Speicher sind lukrativ, wenn der Netztarif einen hohen Verbrauchs- und/oder Leistungsanteil enthält und eine grosse Spreizung zwischen Hoch- und Niedertarif aufweist – das kennen wir doch von den Pumpspeicherkraftwerken, denen genau diese Spreizung bei den Energiepreisen heute fehlt, daher rentieren sie nicht mehr. Mit anderen Worten: hohe Grundtaxen oder gar Flat-Rates sind Gift für die Speicher!

Doch damit sind wir bei unserer Rolle als Verteilnetzbetreiber im Lichte der Energiestrategie 2050. Haben wir eine führende Rolle?

Per Gesetz explizite nicht, wir haben gemäss $8 des StromVG in erster Linie dafür zu sorgen, dass unsere Netze sicher, verfügbar und effizient geführt werden.

Helfen uns dezentrale Speicher dabei? Ja, denn sie glätten den Energiefluss durch unsere Netze.

ERGO: fördern wir sie mit speicherfreundlichen Tarifen!

Fazit: Die Titelfrage kann verneint werden, speicherfreundliche Tarife müssen nicht dynamisch, smart und komplex sein; sie müssen bloss so viel Geld in die Taschen der Produzenten spülen, damit deren Anlagen genügend rentieren. Welch einfache Logik…